zurück zur Übersicht 

Bericht "Videoabend" mit Michael Jung in Warendorf 

 

Am Freitagabend begrüsste unser stellvertretender Vorsitzender Eberhard Schulte Günne den frischgebackenen Bronzemedaillengewinner der Europameisterschaften, Michael Jung, beim Freundeskreis Vielseitigkeitsreiten in Warendorf. Anlässlich des alljährlichen Videoabends des Freundeskreises zum Jahresausklang war es diesmal gelungen, mit Michael Jung wohl den " Shootingstar" der aktuellen Buschsaison zu einem Video- und Diskussionsabend nach Westfalen zu locken. Der sympathische Schwabe war gleich nebst gesamter Familie aus dem fernen Ländle angereist und Eberhard fand herzliche Worte zur Begrüssung, in denen es vor Sternen und Sternchen nur so strahlte. Selbst der "Michi" staunte andächtig ob der Sternenstatistik, in die Eberhard die rasante Karriere des Gastes kleidete, und man darf sich gern darüber streiten, welcher "Sternenritt" in diesem Jahr es denn war, der dem jungen Mann den grössten Erfolg seiner bisherigen Laufbahn beschert hat:
der dritte Platz bei den Europameisterschaften in Fontainebleau, ein drei*** CIC, oder aber der fulminante Sieg zuvor in Luhmühlen, der als 4**** CCI ausgeritten wurde. Michaels Sieg in Luhmühlen auf seinem neunjährigen La Biosthetique Sam FBW ist nämlich in zweifacher Hinsicht bemerkenswert, war dieser Ritt doch überhaupt der erste Start des Paares in einem 4**** Cross - und die beiden haben sich wahrlich prächtig geschlagen in diesem Kurs, der im nachhinein ob seiner hohen technischen Ansprüche doch noch für reichlich Gesprächsstoff in der Szene sorgte.

Und damit befanden sich die zahlreichen Gäste nebst der Familie Jung auch schon mitten drin in der Diskussion:
Michael hatte reichlich Videos von seinen Ritten mitgebracht und den Auftakt dazu bot der Ritt in Luhmühlen. Was zunächst als einleuchtende Beschreibung und Analyse des Rittes und der einzelnen Sprünge begann, gestaltete sich recht bald zu einem lebhaften Frage und Antwort Dialog zwischen Michael und den anwesenden Gästen - so sollte es sein!
Michael verstand es einleuchtend, seine Gedanken und nicht zuletzt das notwendige Gefühl zur jeweiligen Situation rüber zu bringen - das liess sich nicht nur prima von jedem Zuhörer nachvollziehen, man konnte auch gleich eine Menge daraus lernen. Den Ritten aus Luhmühlen und Fontainebleau folgten der Ritt in Strezgom, Polen, und Eindrücke von Hallengeländeritten anlässlich des internationalen Reitturnieres in Stuttgart. Gut zwei Stunden vergingen damit wie im Fluge.

Michael schilderte den Werdegang seines Sam, den er 5-jährig im Frühjahr zum Beritt noch sehr unreif unter den Sattel bekam. Der braune Sohn des Stan the Man x Heraldik mauserte sich recht schnell zu einem zuverlässigen Partner im Busch oder, um es in Michaels Worten auszudrücken:
Wir sind einfach zusammengewachsen und haben viel Vertrauen zueinander aufgebaut, das ist das Wichtigste. Wir kennen uns gegenseitig ganz genau und ich muss eigentlich gar nicht viel machen - wenn ich dann nur einfach mal die Hand mehr stehen lass' weiss er schon, dass er eben etwas mehr nach oben springen muss und wenn mal improvisieren nötig ist weil's einen Stolpler gab oder die Landung in einen Wasserkomplex nicht so passte wie ich das vorgesehn hatte, dann geht das ganz schnell: Sam lässt sich ´ruck zuck umstellen von gross auf eng oder umgekehrt und ist nie irritiert - der kämpft einfach mit und ist voll bei der Sache.
Entsprechende Videoausschnitte untermalten diese Aussagen stets trefflich.
Und weiter:
Man muss die Pferde von Anfang an darauf trainieren gezielt den jeweiligen Sprung anzureiten und darf sie nicht sich selbst überlassen, den jeweiligen Absprung suchen zu müssen.
Was für manch einen "Erholungsspünge" mitten drin auf der Strecke sind, sind für Michael bewusste "Vorbereitungssprünge" auf den eigentlichen anspruchsvolleren Komplex, der einem solchen leichteren Hindernis stets nachfolgt. Um so wichtiger ist das bewusste und konzentrierte Anreiten gerade dieses vermeintlichen einfacheren Hindernisses zwischendrin - man muss dem Pferd ein Erfolgserlebnis verschaffen um es damit dann positiv eingestellt und entsprechend motiviert an das nachfolgende schwierige Element heranzubringen ...
Eine ebenso simple wie eindrucksvolle Lehre, und zeifelsohne eines der vielen Details, die den erfolgreichen Profi eben ausmachen und oft vom Amateur unterscheiden. Der Teufel liegt eben im Detail verborgen und das Grinsen auf Eberhards Gesicht liess erahnen wie sehr er sich freute, dass hier Reitlehre par Excellence postuliert wurde und eben nichts dem Zufall überlassen werden kann.
Motivation und Vertrauen muss man sich stets erarbeiten!

Natürlich stellte sich die Frage nach dem Tagesablauf des Sam und die herzlichste Antwort dazu lieferte die Frau Mama hinreissend schwäbelnd:
"Ei, de' Sam, der hält uns den ganse' Tag auf Trab'! Morgens geht es erst auf die Wiese, dann geht's rein zum Füttern, dann steht er aber schon wieder vor der Tür und will raus und man sieht ihm ganz genau an: Jetzt lass mich abbe' mal wieder raus! Ei, und dann kommt er ebbe' wieder 'naus!" Strahlendes Lachen.
Und wie hält Sam sich fit zwischen den Saisons?
Da wird neben entspannten Ausritten Freilaufen in der Halle praktiziert und hier hat die Familie Jung ein ganz eigenes und sehr sinnvolles Konzept für ihre durchtrainierten Buschpferde und Sportler entwickelt:
keine wüste Rennerei mit kontraproduktiven SlidingStops und Toben sondern gelassens Freilaufen gezielt aussen rum auf gutem Hallenboden, bei dem stets zwei Leute verteilt in der Mitte stehen um das "Aussenrum" auch wirklich einzufordern - möglichst gerade Linien eben und das alles gern auch nur im Trabe, galoppieren muss gar nicht sein um die Kondition an sich hierdurch zu fördern oder erhalten. "Der Sam, der trabt dann auch schonmal ne halbe Stunde gelassen und ohne Reitergewicht aussen rum und das ist doch viel sinnvoller und vor allem gesünder für die Beine als enges longieren auf einem zwanzig Meter Zirkel!" erklärt Vater Jung ganz engagiert.
Artgerecht, einleuchtend und lehrreich - und durchaus für den Amateur zu Hause auch sinnvoll nachzuvollziehen...

Man merkt, die ganze Familie steht hinter der Reiterei und dem Sport und hat Anteil an Michaels Erfolg, der ganz sicher kein Zufall ist. Etwa zehn Mal am Tag steigt er in den Sattel, zur Hochsaison auch bis zu drei Mal täglich in den von Sam. "Ich reite meine Pferde lieber häufiger und dafür kürzer, das ist abwechslungsreicher und man kann sie so viel besser motivieren und bei guter Laune halten." Da wird dann nach einem entspannenden Ausritt "mal eben zum Abschluss" ein Wasserkomplex geübt oder ganz bewusst nur an der Tiefsprungtechnik gefeilt oder was immer gerade als bewusste Übung auf dem Plan steht. "Lieber immer nur eine Sache gezielt trainieren als ab und an einen ganzen Kurs", das hält er für viel sinnvoller und der Erfolg scheint ihm recht zu geben. Die hausnahe Geländestrecke bietet sich geradezu dafür an regelmässig ein bisschen von diesem oder jenem zu trainieren ohne die Pferde dadurch zu langweilen oder zu überfordern. Interessant in diesem Zusammenhang auch Mutters Schilderung "wenn der Michi vom Turnier zurück kommt und einen neuen Sprung unbedingt nachbauen muss - dann verschwindet der in der hofeigenen Schmiede und bastelt und baut bis das Hindernis so fertig ist, wie er sich das vorstellt!" und so zählt die eigene Geländestrecke mittlerweile annähernd fünfzig Sprünge und bietet stets abwechslungsreiche Übungen.

Zum Abschluss überreichte Eberhard ein Poloshirt mit Aufdruck des Freundeskreis Vielseitgkeitsreiten in Westfalen in - wie Eberhard es so nett formulierte - "Zwei Sterne Grösse für den Michael - weil ich denke, dass "M" ihm eigentlich passen muss!" Breites Grinsen all überall und Michael demonstrierte sogleich, dass das Hemd ihm tatsächlich passend auf den Leib geschneidert war. Ob er dieses Poloshirt des Freundeskreises nun auch bei seinem Start bei den Weltreiterspielen in Kentucky im nächsten Jahr unter der Weste tragen wird, das lassen wir einmal dahingestellt - aber eins ist sicher:
Wenn Michael und Sam im nächsten Jahr die deutschen Farben bei den Weltmeisterschaften vertreten werden dann sind diese beiden das einzige Paar, das es mit nur einer einzigen vier**** Prüfung bis hierher geschafft hat - und das allein macht die beiden schon ziemlich einzigartig. Wie Vater Jung verrät: Ein paar der bereits nominierten Kaderreiter dürfen noch, ein paar wenige müssen aber keine vier**** Prüfungen mehr reiten bis dahin. Und Michael und Sam gehören bereits jetzt zur Gruppe der letzteren. Bleibt zu hoffen, dass die beiden im kommenden Jahr nahtlos an ihre bestechende Form der Saison 2009 anknüpfen können und uns allen und ganz besonders dem Sport an sich weiterhin viel Freude bereiten werden!

Lieber Michael, liebe Familie Jung:
ein ganz herzliches Dankeschön auf diesem Weg für diesen schönen und überaus informativen Abend in Warendorf und von Herzen alles Gute und viel Glück für die nächste Saison - der Freundeskreis Vielseitigkeitsreiten in Westfalen wird euch künftig ganz fest die Daumen halten!

Sabine Brandt
Münster